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Der Mensch vor der Geburt. Andreas Jaeggi malte
als Artist-in-Residence fuer das naturhistorische
Museum in Le Havre.

Schweizer Illustrierte
Kultur: die besten
"Andreas Jaeggi, der Tausendsassa"
Erfolg ueber die Grenze: In der Pariser Oper steht Andreas Jaeggi als Solist auf der Buehne. Parallel dazu macht der Tenor aus Basel Karriere als Maler – in der Schweiz und in Frankreich.

Er ist ein durch und durch musischer Mensch, der Basler Andreas Jaeggi. "Singen, malen und zeichnen ist fuer mich wie atmen, essen und trinken," betont er. "Wobei ich als Kuenstler einen ziemlich langen Atem brauche." Im Gegensatz zum Singen.

Als Tenor steht er in der neuen Spielzeit der Pariser Nationaloper Bastille in drei Produktionen auf der Buehne. Und dies gleich in drei verschiedenen Sprachen: In der "Salome" von Richard Strauss singt er deutsch, im "Werther" von Massenet franzoesisch und in "Billy Budd" von Britten englisch. "Das sind aufregende Projekte," freut sich Jaeggi. Singen sei fuer ihn Spitzensport, das taegliche Stimmtraining ein Muss. "Fuer mein Gleichgewicht ist die Malerei deshalb sehr wichtig," betont der ausgebildete Grafiker.

Die Engagements im Ausland wecken im Saenger die Gefuehle von Ruhelosigkeit, Verlassenheit und Heimatlosigkeit. Mit der Malerei schafft er sich ein Daheim in der Fremde. Im Koffer stets mit dabei ist deshalb das Malzeug. Zuerst kommen die Partituren ins Gepaeck, dann Pinsel und Farbe und zum Schluss reichts gerade noch fuer ein paar T-Shirts. "Ich male ueberall und jeden Tag, selbst auf dem Kuechentisch," erzaehlt er. Und lacht. "Weil ich nicht warten kann, bis ich wieder zu Hause in Basel bin."

Nun ist er Gastkuenstler im naturhistorischen Museum in Le Havre. Als Artist-in-Residence gestaltete er eine Werkserie fuer die Ausstellung "Vor der Geburt, Bilder aus 5000 Jahren". Die von Alain Germain kuratierte Schau umfasst unter anderem auch einen altaegyptischen mumifizierten Foetus in einem bemalten Sarkophag und lebensgrosse Wachsmodelle aus dem 19. Jahrhundert.

Um jedem Objekt eine starke Praesenz zu vermitteln, wurden alle Raeume schwarz gestrichen. Auch jene mit Jaeggis Werken. Innerhalb von 14 Tagen schuf er 17 Bilder und 4 Zeichnungen. "Die groesste Arbeit war die mentale Vorbereitung und die Auseinandersetzung mit den vorgeburtlichen Bildern." Denn die Kunstwerke sind inspiriert von dreidimensionalen Hightech-Ultraschallaufnahmen, die ihm der Arzt Jean-Marc Levaillant zur Verfuegung stellte.

Die grossen Gemaelde wirken skizzenhaft und gestisch. Der Maler hat den anonymen Wesen eine Identitaet gegeben. Kein Kinderspiel. "Die Darstellung eines Ungeborenen ist anspruchsvoll. Entweder wird es schnell zum Monster oder wirkt zu suess."

Le Havre – Paris – Basel: Andreas Jaeggis Terminkalender ist ausgebucht. Sein langjaehriger amerikanischer Lebenspartner Ron Rubey kuemmert sich um seine Engagements, Finanzen und ums Buero. "Ohne ihn koennte ich das alles nicht schaffen. Ron haelt mir den Ruecken frei."

Der Kuenstler und der ehemalige Profitaenzer leben in einer grosszuegigen Jugendstilwohnung beim Zolli. "Ich geniesse mein Zigeunerleben erst, seit wir dieses schoene Zuhause haben," gesteht Jaeggi. Wenn er Zeit hat, verzieht er sich abends ins Atelier im Keller. Bringt die Bilder in seinem Kopf auf die Leinwand. Flink und locker.

Diese Leichtigkeit widerspiegelt sich auch in den Motiven. Ein Haus, erhascht durchs Fenster eines Flugzeugs oder aus der Tiefe einer Strassenschlucht. Die Wendeltreppe im New Yorker Guggenheim-Museum. Die "Mona Lisa" im Louvre. Arbeiten, die mit ihren ungewoehnlichen Perspektiven eine andere Sehweise provozieren.

Wer es nicht bis Le Havre schafft, um Andreas Jaeggis neueste Kunst zu sehen, kann ihr aktuell auch in Basel begegnen. "Schoene Aussichten" ist eine 100 Bilder und Skulpturen umfassende Werkschau des Kuenstlers in der Basler Privatbank Trafina. Die Ausstellung macht seine kuenstlerische Vielfaeltigkeit und seinen unglaublichen Schaffensdrang sichtbar.

von Isolde Schaffter-Wieland
 

"Einen Embyo zu malen, ist nicht kinderleicht," Andreas Jaeggi, Kuenstler.

 


Ich sehe noch nichts: Andreas Jaeggi gibt dem
ungeborenen Menschenkind ein Gesicht.


Haus in Paris: Andreas Jaeggi provoziert gerne mit
ungewohnten Blickwinkeln.