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"Kunst im Birshof"

Eine Vernissage muss fuer einen Kuenstler ein suspekter Anlass sein. Eine gewisse Auswahl an Arbeiten wird im Atelier ausgesucht, verpackt, transportiert und wieder ausgepackt, am Ausstellungsort platziert und verschoben. Im geglueckten Fall findet sich innerhalb nuetzlicher Frist vor der Vernissage eine Werkabfolge in den Raeumen, die den Vorstellungen und dem Vorhaben der Beteiligten entspricht. Die ideale Praesentation der Kunst existiert vor allem als Idee. Wenn ich durch die aktuelle Praesentation von Andreas Jaeggis Malereien, Zeichnungen und Objekten gehe, faellt mir auf, dass es sich weder um eine thematische, noch um eine best-of Ausstellung handelt. Letzteres Ausstellungskonzept kennt man auch unter dem Namen Retrospektive, aber dafuer empfinde ich Andreas Jaeggi als zu jung und als zu sehr mitten in seinem kreativen Prozess. Andererseits handelt es sich auch nicht um eine Praesentation exklusiv neuer Werke. Ein anderes Konzept muss hinter der Ausstellung hier in der Birshof-Klinik stehen und dem will ich mich nun annaehern.

Andreas Jaeggi ist auch Opern- und Konzertsaenger − und Eiskunstlaeufer. Waehrend er als Saenger von Ort zu Ort reist (er singt u.a. regelmaessig in Frankreich, Holland, England, der Schweiz, Oesterreich und Italien), sind Malutensilien und Schlittschuhe seine treuen Begleiter im Gepaeck. Aus diesen wenigen Fakten lassen sich einige interessante Punkte ableiten. Erstens, dass Andreas Jaeggi ein Mensch zu sein scheint, der intellektuelle und koerperliche Herausforderungen gleichermassen sucht. Zweitens, dass seine bildnerische Arbeit durch das ausgedehnte Unterwegssein auf spezifische Weise gepraegt sein muss. Drittens, dass fuer ihn kuenstlerischer Ausdruck offensichtlich mehrere Ebenen beinhaltet. Ich koennte weitere Folgerungen anfuehren, aber da ich die heutige Einfuehrung nicht auf eine Vortragsreihe ausweiten moechte, beschraenke ich mich auf eine naehere Betrachtung dieser dreier Punkte.

Zur intellektuellen Auseinandersetzung: Andreas Jaeggi bezeichnet sich selbst nicht als belesener Mensch (obwohl fuer ihn, als Spross einer Buchhaendlerfamilie, dieser Schluss naheliegend waere), aber durch das Einstudieren zahlreicher Opernstuecke kennt er sich in historischer Literatur sehr gut aus. Opernstuecke behandeln oft kanonische Inhalte, die menschliche Grundthemen ueber Jahrhunderte hinweg transportieren und aktualisieren. Er verdaut diese Geschichten auch bildnerisch, indem er Motive isoliert und auf bisweilen humoristische Weise umgestaltet. Die Skulptur "Die Salome-Ausgrabung" thematisiert die Salome-Geschichte nach der Dramenversion von Oscar Wilde, respektive der Opernversion von Richard Strauss. Andreas Jaeggi verbindet den abgeschlagenen Kopf des Johannes mit seinem Schicksal, im Brunnen gefangen gewesen zu sein (mir kommt zudem das Sprichwort in den Sinn: der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht). Zudem kommentiert er die sinnlose und unerhoerte Extravaganz der Salome, den Kopf des Johannes aus blinder Begierde fuer sich einzufordern. Und das Gewaehren dieser Bitte durch Herodes. In der Tat handelt diese Geschichte von mehr als einer zerbrochenen Existenz.

Marcel Proust geistert hier und dort durch die Malereien. Er symbolisiert, so vermute ich, seinen namenlosen Erzaehlerhelden in "A la recherche du temps perdu". Der Held ist ein ewig Suchender und gleichzeitig ein ewig Abgelenkter, der nie das Werk schaffen wird, das er sich vorgenommen hat. Andreas Jaeggis intellektuelle Auseinandersetzung mit Geschichten und Geschichte zeigt sich ebenfalls in einzelnen Werkserien. "The Mona Project" sind 21 Zeichnungen, alle basierend auf der Gioconda, besser bekannt als Mona Lisa, von Leonardo da Vinci. Dieses ikonische Bildwerk bearbeitet er lustvoll-komisch und mit Scharfsinn, indem er den Kopf der mysterioesen (diskutierbar) Schoenen durch das Konterfei von u.a. Barbra Streisand, Pippi Langstrumpf, Mao, Sigmund Freud, oder – Sie ahnen es – Marcel Proust ersetzt. Die in Kunstkreisen so beruehmten Hintergrundlandschaften gestaltet er der portraetierten Persoenlichkeit entsprechend.
 

       

 

Wie beeinflusst das Reisen Andreas Jaeggis bildnerische Arbeiten? Es stellen sich natuerlich praktische Einschraenkungen, was die Groesse und die malerischen Techniken der Werke angeht. Wichtiger und spannender aber scheint mir, ist ein spezifischer Zugang zum Bild, der sich bei Andreas Jaeggi beobachten laesst. Sooft er an altbekannte Orte zurueckkehrt, widmet er sich wiederkehrenden An- oder Aussichten. Andreas Jaeggi hat sich eine unerhoerte Offenheit antrainiert (oder bewahrt), die ihn anleitet, dieselbe Hinterhausfassade, denselben Treppenaufgang wieder und wieder zu malen und zu zeichnen. Davon zeugen die zahlreichen Pariser, Basler und New Yorker Stadtlandschaften, von denen in dieser Ausstellung einige zu sehen sind. Unabhaengig davon, ob zwischen dem letzten Besuch ein Tag oder mehrere Jahre liegen, wirken diese Sujets auf immer neue Arten auf ihn. Er beobachtet, praegt sich die kleinsten Details ein, kehrt in seine Bleibe zurueck und bringt seine Eindruecke ins Bild. Er findet interessante und Untersuchens werte Motive in scheinbar trivialen Ecken, die der Freizeitreisende hoechstwahrscheinlich links liegen lassen wuerde. Indem Andreas Jaeggi sich seine Umgebung derart einverleibt, mutmasse ich, schafft er sich ein Gefuehl des vertraut Seins, ein Gefuehl von Heimat vielleicht.
 

 

     

Andreas Jaeggi will seine Lebenswelt moeglichst realistisch wiedergeben. Es geht ihm jedoch nicht einfach darum, architektonisch korrekte Wiedergaben zu produzieren. Wer die Grundsaetze der Perspektive kennt, kann mehr oder weniger rasch eine so genannte realistische Darstellung zustande bringen. Logik und Systematik, denke ich, waeren fuer Andreas Jaeggi nicht nur ungeeignete Mittel, sie waeren auch zu bequem, zu wenig inspiriert (im Sinne von spiritus, lat.: Geist, Atem, Begeisterung, Schwung, Leben). Den kuenstlerischen Anspruch, den Andreas Jaeggi an sich stellt, beruht darauf, das Erfahrene und Erlebte durch seinen Koerper und sein Bewusstsein zu transformieren und es in anderer Form auszudruecken. Er stellt die Welt dar, wie sie fuer ihn real ist.
 

Und damit komme ich ueberschneidend zum dritten zentralen Punkt meiner Betrachtungen. Der persoenliche Ausdruck steht hinter und ueber jeder kuenstlerischen Taetigkeit Andreas Jaeggis. Sei es im Gesang, im Schaulaufen oder im Malen – der Kuenstler findet seine Inspiration im Lebensalltag, in simplen Begegnungen und Momenten, nicht in spektakulaeren Landschaften, nicht in politischer Einmischung, nicht in avantgardistischen Kunstkonzepten. Seine Werke sind radikal selbstbezogen – und das meine ich in einem bescheidenen, in einem selbstgenuegsamen Sinn. Seine Kunst ist Lebenslust, Experimentierlust und individuelle Ausdrucksstaerke.
 

von Susanne Blaser, Kunsthistorikerin M.A.

 

Ausstellung: "Kunst im Birshof"
Hirslanden Klinik Birshof
in Muenchenstein / Basel